Zu Besuch im Haus der Schwarzwalduhren – ein Nachruf

Als ich den Autor kennenlernte, war das für mich auch eine gute Gelegenheit, mein doch sehr eingerostetes Schulenglisch aufzupolieren. Dachte ich jedenfalls. Allein, er sprach nur Deutsch mit mir und seine Familie ebenso. Irgendwann nahm ich meinen ganzen Mut zusammen und fing einfach in Englisch an – und bekam meine Antworten in Deutsch. Hmpf. So schlecht war es also, mein Englisch. Das sei ganz sicher nicht der Fall, so der Autor, seine Eltern wären es nur gewohnt mit seinen Freundinnen (Mehrzahl? *augenbrauenheb*) Deutsch zu reden.

Und so fand ich mich mit seinem Vater Douglas am nächsten Tag in seiner Uhrenwerkstatt auf eine Zigarette (damals frönten wir beide noch diesem Laster, langlang ist es her) wieder und ich bekam meine erste von vielen Lektionen zum Thema Schwarzwalduhren damals und heute und wie man sie repariert. Auf englisch. Von einem Amerikaner. Ich hab maximal ein Drittel verstanden und das ist noch gestrunzt. Aber immerhin habe ich ein hoffentlich halbwegs intelligentes Gesicht gemacht und erstaunt ein solch intensives Maß an Begeisterung erlebt, die ein Mensch hat, der wirklich liebt, was er tut.

Irgendwann vor Jahrzehnten meinte meine Schwiegermutter wohl, ihr Mann solle sich doch mal ein Hobby suchen und er ist, wie auch immer, auf die Schwarzwalduhr gekommen. Wie viele es bis heute sind, ich glaube, das wußte noch nicht mal er mehr genau. Fragen kann ich ihn nicht mehr, mein Schwiegervater Douglas ist vor wenigen Wochen verstorben.

Aber jede einzelne Uhr erzählt ihre ganz eigene Geschichte, auch, wenn ich sie nicht kenne. Wobei das natürlich nicht ganz richtig ist, ich kenne sehr wohl ein paar der Abenteuer, wie einige der  Uhren zu ihm gekommen sind, nur lagen sie zu diesen Zeitpunkt in alle Einzelteile zerlegt vor ihm. Welchen Uhren ich schon in die Eingeweide geschaut habe und welchen nicht – ich habe keine Ahnung. Wohl aber weiß, was sie ihm bedeutet haben. Die Uhren, nicht die Eingeweide. Jede Uhr, die gerade vor ihm lag, war gerade seine Wichtigste. Jede eine neue Herausforderung und jede sein ganzer Stolz, wenn er es geschafft hatte, ihr mit seinem oft selbst hergestellten Werkzeug wieder Leben einzuhauchen. Und er hat es mit allen geschafft.

Mit Sicherheit waren Uhren nicht sein ganzes Leben, aber sie waren – neben dem Schreiben – seine Leidenschaft und seine Passion.

Sie sind, für mein Dafürhalten, nicht alle unbedingt wirklich schön. Vor allem bei den sehr traditionellen Kuckucks-Uhren muss man schon sehr im Thema sein, um sie zu mögen. Insbesondere dann, wenn man um Mitternacht senkrecht im Bett steht, weil neben einem ein Monster anfängt zu schlagen, weil man vergessen hat, das Ding abends anzuhalten.

Aber nichtsdestowenigertrotz ist der Uhrenraum, in dem tatsächlich an hohen Feiertagen auch gegessen wird, sehr imposant anzusehen. Sicher, eine große, ehrfurchtgebietende Großvateruhr, die allein im Flur Wache hält, hat auch was für sich. Aber wenn man in einen Raum kommt, in dem mindestens hundert kleine, große, alte, fast moderne, kitschige, aufs wesentliche reduzierte, laute, leise, hässliche und wunderschöne Uhren auf einen wirken – dann hat das schon etwas sehr Erhabenes.

 

Jedenfalls bis die Kinder rein kamen, schnurstracks auf die Uhr ihrer Wahl zustürmten und sich in allen Details erklären ließen, was das für eine ist, wo sie her kommt und welche Magie Grandpa daran vollbracht hat. Und dann hatte Mutter die nächste halbe Stunde Pause, denn Kind wie auch Grandpa waren sowieso nicht ansprechbar, weil vertieft und glücklich im Uhrengespräch.

 

 

 

 

 

 

 

Eine seiner All-Time Lieblingsuhren steht jetzt übrigens wieder hier in Deutschland, er hat sie mir vermacht, weil ich ihre Schlichtheit und das Filigrane so mochte. Und meine ganz persönliche Wandlieblingsuhr aus dunklem Holz, mit lila Perlmutt und einem einsehbaren Uhrwerk hängt bei ihm in der Garage. Neben dem Schuhregal für die Sport- und Laufschuhe. So cool muss man erstmal sein. Wobei es aber auch sein kann, dass woanders einfach kein Platz mehr war.

Nun wird keine mehr dazu kommen. Alle Uhren sind noch an ihrem Platz und werden nie mehr zusammengerückt werden, um doch noch eine Lücke für einen Neuankömmling zu machen. Einige von ihnen werden immer noch liebevoll aufgezogen. Eine davon ist die Standuhr rechts im unteren Bild. Unten im Uhrenkasten ruht jetzt bis auf weiteres Dougs Asche. Ich gebe zu, das kann einem schon sehr eigenartig vorkommen und man muss das mögen. Er würde es lieben, da bin ich mir sicher.

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4 Responses to Zu Besuch im Haus der Schwarzwalduhren – ein Nachruf

  1. Frau-Irgendwas-ist-immer sagt:

    Erst einmal der gesamten Familie herzliches Beileid!

    Danke für diese Geschichte – jetzt mach‘ ich mir keine Gedanken mehr, ob mein Mann vll ein etwas eigenartiges Hobby hat … inclusive der Urlaubsplanung ‚Gibt es da eigentlich ein Uhrenmuseum?`
    Sollten Sie Lust auf (unzählige) Uhrengeschichten aus deutsch haben, melden Sie sich einfach! Und ja, es gibt hier auch Schwazwälder Uhren.
    Und ja, ich finde den Platz für die Asche absolut angemessen!

  2. sawy sagt:

    Ein wunderbarer (trauriger, aber dennoch wunderbarer) Nachruf auf einen besonderen Menschen! Vielen Dank, dass wir ihn lesen dürfen – auch für die wirklich schönen Fotos!

  3. soundray sagt:

    Doug war ein Pfundskerl. Sein Humor war unnachahmlich. Wenn in seinem Uhrenzimmer (das damals noch nahtlos ins Wohnzimmer überging) zur vollen Stunde ein Riesengetöse anhub, sagte er immer, ihn störe das nicht, er sei ja schwerhörig. In seiner Werkstatt hingen an einer Wand die seltsamsten Werkzeuge. Wenn ich ihn gefragt habe, wofür dieses oder jenes da sei, sagte er immer nur „That’s for cars“. Schade, dass er schon gehen musste — er wird uns fehlen.

  4. Feuervogel sagt:

    Das ist wohl einer der schönsten Erinnerungstexte, die ich jemals gelesen habe. Vor allem, weil er den Menschen der gegangen ist über die Tatsache stellt, dass er nicht mehr da ist. Man kann die Zuneigung, die euch verbunden hat, in jeder Zeile fühlen. Ich wünsche dir und deiner Familie von ganzem Herzen, dass der Schmerz irgendwann geht und Platz macht für die schönen Erinnerungen. Alles Gute
    (Urnen im Uhrenkasten sind übrigens gar nicht merkwürdig. Wichtig ist doch nur, dass es sich richtig anfühlt.)

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