Fastenfazit, die zweite

Frau Jugel hat ja die Tage ihre Fastenabrechnung ins Netz gestellt. Ich verneige mich ehrfurchtsvoll und sage: Bravo! Ganz ohne Neid, obwohl ich selbst kläglich versagt habe. Wobei – vielleicht nicht ganz kläglich, denn mir ist durchaus einiges bewußt geworden, was ich so nicht vermutet habe.

Ich hatte nicht gedacht, dass ich noch so viel kaufe, was so viele chemische Stoffe enthält. Ich war immer der Meinung, wenn man auf Tütchen und Fertigware verzichtet, dann kann es gar nicht mehr so viel sein und wähnte mich damit auf der sicheren Seite. Dem ist aber nicht so. Alleine ein von mir und meinen Freundinnen so geliebter Anti-Pasti-Tapas-Mittelmeerabend enthält Zusatzstoffe wie doof. Man nehme mit Chilipaste gefüllte Oliven, mit Frischkäse gefüllte Peperonen, ebensolche Champingnons, eingelegte Tomaten, Artischocken und Ziegengouda – es sind überall Konservierungsstoffe, Antioxidantien, Stabilisatoren und manchmal auch Es drin. Egal ob man das Zeug beim Türken um die Ecke – den wir hier nicht haben – kauft oder im Supermarkt. Auch auf Marktständen sind solche Sachen seltenst hausgemacht. Selber machen geht natürlich auch – wenn man die Zeit hat. Damit komme ich zum ersten und wohl wichtigsten Faktor meines Scheiterns:

Du brauchst Zeit. Viel Zeit, um das Ganze durchzuziehen. Einmal für das Einkaufen: Jeder Artikel, den Du in die Hand nimmst muss durchgelesen werden. Das geht das erste Mal und das geht das zweite Mal und wenn man gut ist, auch noch das dritte Mal. Aber irgendwann hat man mal keine Stunde zum Einkauf mehr und noch was anderes zu tun, als sich jede einzelne Zutat auf jedem einzelnen Artikel durchzulesen, nur um ihn dann doch wieder ins Regal zurückzustellen.
Du brauchst Zeit, alles selbst zu machen. Dabei rede ich nicht unbedingt von den Mahlzeiten. Die haben sich weniger verändert, weil ich die ja sowieso frisch und eher ohne Fertigwaren zubereite, sieht man mal vom ach-so-gesunden mediteranen Tisch ab. Aber wenn die Kinder einen Joghurt wollen, dann ist es schlicht schneller in den Kühlschrank zu greifen und den Schokosplitterjoghurt rauszuholen und aufzumachen, als ihn aus Naturjoghurt, Honig und klein zu hackender Schokolade selbst zu machen. Wobei immerhin ein Erfolg ist, dass die Kinder jetzt den anderen, fertigen Joghurt nicht mehr wollen. Zuwenig Schokolade.
Du brauchst Zeit, um zum Markt und zum Bioladen und zum Fleischer und zum Bäcker zu fahren. Damit kommen wir zu zweitens:

Es kostet mehr Geld. Um wirklich auf der sicheren Seite zu sein, geht fast nur der Bio-Laden. Denn normale Bäcker nutzen heutzutage viele Backmischungen mit Zusatzstoffen (in einem anderen Leben war ich Hostess auf der IBA – es gibt Dinge, die will man nicht wissen), die eben beim Verkauf nicht deklariert werden. Die Wurst beim Metzger ist auch nicht zu 100% selbstgemacht, das kann kein Fleischer heutzutage mehr leisten. Da der Kunde Auswahl haben will, muss zugekauft werden. Man braucht also einen gutsortierten Bioladen in der Nähe und den muss man dann auch noch bezahlen können. Und wenn man das dann kann, dann ist da noch als drittes folgendes:

Es braucht unglaublich viel Nerven, den Kindern immer und immer und immer wieder zu erklären, warum sie jetzt nicht das Eis haben dürfen. Oder die Smarties. Oder diese Kekse. Und schon gar nicht das Kaugummi. Vom Autor rede ich jetzt schon gar nicht mehr. Und wenn man nicht sehr aufpaßt, dann ist es tatsächlich so, dass die Kinder mit großen Augen vor anderer Leute Süssigkeitenschränken hängen und der Autor Stammkunde im Süsskramregal im Laden um die Ecke wird – und das kann Sinn und Zweck des Experimentes auch nicht sein. Ich möchte schon wissen, welche und vor allem wieviel Süssigkeiten meine Kinder essen.

Dazu kam, dass dieses Jahr ab Februar alle drei Faktoren noch knapper waren als sonst und daher habe ich das Experiment irgendwann Mitte März einfach entnervt abgebrochen. Aber man soll ja aus allem etwas Positives ziehen. Ich habe gelernt. Gelernt, dass es fast unmöglich ist, sich mit normalen Zeit- und Geldaufwand komplett zusatzstofffrei (wird das jetzt wirklich mit drei f geschrieben?) mit Kindern zu ernähren.
Ich habe gelernt, dass auch wenn man meint, man würde sich bewußt ernähren, sich die Zusatzstoffe trotzdem überall verstecken.
Und ich habe gelernt, ein wenig lockerer damit umzugehen. Ich achte immer noch sehr drauf, was ich kaufe und wo. Aber in den Wochen des Zutatenfastens bin ich regelmäßig mit sehr schlechter Laune vom Einkaufen gekommen, meine Kinder waren nach dem fünften „Nein“, so sehr ich es auch begründete, ziemlich unausstehlich und der Autor war schlicht genervt. Und das ist es mir nicht wert.

Was nicht heißt, dass ich nächstes Jahr nicht wieder in einer Fastenrunde gehe. Ich hab ja knapp ein Jahr, mir was Sinnvolles zu überlegen.

Und wenn man mich jetzt entschuldigen möchte – ich muss einkaufen gehen.

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2 Responses to Fastenfazit, die zweite

  1. Christian sagt:

    Es ist platt gesagt, aber bewusste Verzicht ist Luxus. Es kostet entweder Geld oder Zeit.

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