Zu Besuch im autofreien Dorf in der Stadt – wie kommt die Wasserflasche in den Kühlschrank?

Hier nun also der zweite Teil der Autofreien Stadt, deren Webseite man übrigens hier findet – Asche über mein Haupt. Alle autofreien Wohnprojekte Deutschlands, Europas und weltweit findet man hier – vorsicht, etwas gewöhnungsbedürftige Seite.

Aber weiter mit dem Projekt in Hamburg Barmbek. Als ich das Haus nach meinem unfreiwilligen Marsch betrat und oben im dritten Stock zwei lächelnde Gesichter sah, dachte ich nur – typisch, und wieder kein Fahrstuhl. Das stimmt allerdings nur bedingt. Denn es ist wohl wahr, dass da im Moment noch keiner existiert, weil der Bedarf in dem Eigentumswohnungenteil noch nicht besteht und man beim Bau Geld sparen wollte. Gleichwohl ist aber der Platz und die Statik des Treppenhauses darauf ausgelegt, dass man nachträglich einen Fahrstuhl innen einbauen kann, sollte sich die Notwendigkeit ergeben.

Diese Weitsicht zieht sich durch das gesamte Projekt. Seien es die schon erwähnten Rampen in den Keller oder die Tatsache, dass es im Gemeinschaftsraum Duschen gibt. Auf der gemeinsamen Dachterasse gibt es Toilette und Teeküche. Oder die Tatsache, dass es wirklich schöne, gemütliche Ecken auf dem Gelände gibt, wo man sich immer wieder über den Weg laufen kann, wenn man es denn möchte. Es sind diese durchdachten, kleinen Dinge, die das Leben einfacher und schöner machen, die mich eigentlich am meisten beeindruckt haben an dem Gebäudekomplex.

 

Aber wie, bitte, bekomme ich meine Kisten Wasser aus dem Laden in meine Wohnung? Da finde ich es zwar schön, dass es genug Fahrradanhänger für alle gibt, ja, nettes Detail. Ehrlich gesagt, muss ich die nicht auf dem Drahtesel vollbeladen bei Wind und Wetter hinter mir herziehen. Abgesehen davon geht mein Wocheneinkauf für vier Leute da auch gar nicht rein.

Wie überall, ist es auch hier eine Frage der Organisation. Es ist wohl so, dass man weniger „den Wocheneinkauf“ macht, sondern eher häufiger mal einkauft und immer mal wieder was Frisches aus dem Laden oder dem Markt holt. Und für die schweren Sachen, gibt es im Prinzip drei Möglichkeiten, die hier hauptsächlich genutzt werden.

Einmal Augen zu und durch.

Oder man lässt sich die zumindest die Getränke liefern.

Und die dritte Möglichkeit hat sich wohl hauptsächlich bei den Familien eingebürgert: Man lässt sich einfach den gesamten, normalen Einkauf bringen, was mittlerweile gang und gäbe ist in Hamburg. Genauso ist es mit allen aussergewöhnlichen, schweren Sachen wie Balkonbepflanzung, Baumarkteinkäufe oder Wohnungseinrichtungen. Wahlweise via Lieferant oder Taxi. Die Zeiten, als sich Taxifahrer weigerten, „sowas“ zu transportieren sind GottseiDank vorbei. Und als genau nur eine Kette für Unsummen einen Lieferdienst bereit stellte, der auch nur sehr begrenzt fuhr – ich erinnere mich da dunkel an eine Begebenheit, die mit mir im neunten Monat, einer Grippewelle und einem entzündeten Ischiasnerv zu tun hatte. Das sind dann übrigens Gelegenheiten für die die Stellplätze gedacht sind.

Dafür, und für Lebenssituationen, in denen man einfach mal ein Auto braucht. Temporäre Familiennotfälle zum Beispiel, wenn man die Wohnung der Eltern ausräumen muss oder ein Familienmitglied jeden Tag zur Reha gebracht werden muss. Wenn man einen Stellplatz für eine begrenzte Zeit braucht, sagt man einem Gremium Bescheid, das darüber befindet und einen kurzen Aushang machen, dass ab jetzt für x Tage oder Wochen da rechtmäßig ein Auto steht.

Für diese Gelegenheiten gibt es Leihwagen oder aber diverse Car-Sharing Projekte, die man sich dann allerdings von irgendwo ausserhalb organisieren muss. Das Auto ist also nicht ein verteufelungswürdiges Ding, sondern ein Instrument, das dann eingesetzt wird, wenn es sich nicht anders organisieren lässt. Aber eben nichts, was man individuell besitzen muss.

Auf die Frage, in welchen Situationen denn man so ein Auto am meisten vermisst, kommen denn auch nicht die normalen Alltagssituationen, die man sich mit oder ohne Auto eh immer irgendwie organisieren muss, sondern so Sondersachen wie „Sonntagmorgens um halb zehn mal eben beschließen, mit den Kindern ins Grüne zu fahren – ohne sich erst einen Wagen mieten zu müssen.“

Ob es sich nun unbedingt monetär rechnet, das kann ich von hier aus nicht beurteilen, dafür spielen zuviele Einzelkomponenten und individuelle Gegebenheiten eine Rolle. Ich kann mir aber vorstellen, dass es zumindest eine Rechnung wert ist.

Eins ist aber auf jeden Fall klar, das Ganze funktioniert nur so gut, weil dieses Projekt sehr zentral in einer Großstadt liegt, sehr gut angebunden ist und die Dinge des täglichen Lebens – inklusive einer sehr leckeren Eisdiele – in Laufnähe liegen. Oder, wie mein Cousin Holger sich ausdrückte, in dem Moment, wo Du Dich entscheidest, aus der Stadt raus zu ziehen, hast Du auch immer die Entscheidung für ein Auto getroffen. Da ist was Wahres dran – obschon recht gut angebunden, komplett ohne Auto ginge es hier und in meiner Lebenssituation nicht. Ich glaube, wenn ich wirklich ein Stadtmensch wäre und keine Familie hätte, ich könnte mich vielleicht auf so ein Projekt einlassen.

Zumindest auf Zeit. Vielleicht.

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