Zu Besuch im autofreien Dorf in der Stadt – der theoretische Unterbau

Da stand ich nun, inmitten des autofreien Wohnprojektes in Hamburg und rechnete halb damit, dass die Finger auf mich zeigen würden „Sie nennt ein Auto ihr Eigen, sie nennt ein Auto ihr Eigen!!!“ Als SchonimmerAutofahrerin hat man ja so seine gepflegten Vorurteile, aber mein Cousin Holger – mit dem mich eine mittlerweile Jahrzehnte lang dauernde Diskussion in Umweltbelangen im Allgemeinen wie im Besonderen verbindet – hat mir versichert, die Leute, die hier wohnen wären alle sehr nett.

Gut, dass das autofreie Wohnprojekt Saarlandstraße Hamburg zentral liegt, direkt an der gleichnamigen S-Bahnstation, dass hätte man sich denken können. Und wenn man vorher seine Mail gelesen oder Google Maps bemüht hätte, dann wäre man auch nicht einen Kilometer in die falsche Richtung gelaufen – zu Fuß in schönen, aber unbequemen Schuhen! Steht man dann aber irgendwann endlich davor, glaubt man ersteinmal ganz falsch zu sein – jedenfalls dann, wenn man diese romantisch-verklärte Vorstellung davon hat, dass „das Dorf in der Stadt“ kleine beschauliche Wohneinheiten im Sinne von kleinen Häuschen zu sein haben.

Die Häuser bestehen nämlich aus drei L-förmigen, vierstöckigen Gebäuden mit jeweils einem kleineren Gebäude innerhalb des Ls. Das erste L (auf dem Foto sieht man übrigens Teile des dritten Bauabschnitts von 2009, die Aussenansicht des ersten Gebäudes hab ich leider verpaßt zu fotographieren) wurde 1999 gebaut. Es besteht aus 18 Eigentumswohnungen und 31 Mietwohnungen, die einer extra für diesen Zweck gegründeten Kleingenossenschaft gehören. Im kleineren Gebäude – dem Würfel – sind noch mal vier Wohnungen vorhanden. Eingefasst ist das Ganze von einer stark befahrenen Strasse mit Gebäudegürtel auf der einen und als Kontrastprogramm von zwei beschaulichen Kanälen auf der anderen Seite.

Der Ansatz, den das Projekt verfolgt ist folgender: Es sollen die Möglichkeiten und der Raum geschaffen werden, umweltbewußt ohne Auto qualitativ hochwertig in einer hetrogenen Gemeinschaft zu leben. Und das Ganze bitte zu einem nicht horrenden Preis. In Hamburg. Klingt wie eine Utopie und wurde wohl von vielen anfangs auch so aufgefasst. Tatsächlich steckt neben ziemlich viel Idealismus vor allem eines in dem Projekt: Unglaublich viel Arbeit.

Zum einen mussten Behörden überzeugt werden, dass man hier nicht die vorgeschriebenen 0,8 Stellplätze pro Wohnung braucht. Nachdem sich die Bewohner richtig mit Vertrag und allem gegenüber der Stadt verpflichtet haben auf ein Auto zu verzichten, wurde die Richtlinie auf 0,15 Stellplätze verringert, was für den Gebäudekomplex 8 Stellplätze macht. Und die wiederum sind der Tatsache geschuldet, dass wie gesagt zwar Idealismus und auch ein Funken Ideologie im Projekt stecken, aber eben auch viel Pragmatismus und Lebenserfahrung. Aber dazu mehr im zweiten Teil.

Durch die vielen freigewordenen und somit nicht gebauten Stellplätze gibt es mehr Freiflächen, die als Gemeinschafsgarten, Kräuterparzellen, Spielplätze oder einfach nur Erholungsflächen genutzt werden. Außerdem ist Platz für Fahrradschuppen, auf die wiederum viel Wert gelegt wurde – pro Wohnung gibt es drei Fahrradstellplätze, was nun auch nicht unbedingt keinen geringen Platzbedarf darstellt. Teilweise sind die Räder in Schuppen, teilweise in den Kellern untergebracht, die wiederum mit Rampen versehen sind, so dass niemand Räder oder Kinderwagen tragen muß. Ein Weitblick, den sich nicht nur so manches Elternteil mit wagenpflichtigem Kind auch anderswo wünschen würde.

Und nur autofrei reicht ja nun auch nicht, das Projekt hat besteht aus Niedrigenergiehäusern, die Anlage hat ein Blockheizkraftwerk, das für mein Dafürhalten unglaublich kompliziert, aber doch wohl effektiv ist. Dazu kommt eine Photovoltaik-Anlage und diverse Regenwasserauffangbehältnisse. Die Umwelt- und Dämmvorgaben, die die derzeitige Regierung irgendwann für das Jahr 2050 oder so vorschreiben will, sind hier schon erfüllt. Und man hat mir glaubhaft versichert, dass niemand im Winter bei -6 Grad Aussentemperatur in Pulli und Decken gehüllt in der Wohnung frieren muss und trotzdem nur im Winter ca. 20% der Energie zu gekauft werden muss.

Bliebe noch das Detail mit dem günstig. Stellplätze sind teuer, in der Anschaffung und auch aufs laufende Jahr in der Verrechnung von Mieten gerechnet. Dieses Geld wurde eingespart und umgelegt. Außerdem wurden zum Zeitpunkt des Baus noch Kleingenossenschaften sowie umweltfreundliches Bauen erheblich gefördert. All diese Vergünstigungen zahlten und zahlen sich noch heute in Form von Mieten und Eigentum aus. Somit wurde tatsächlich bezahlbarer Wohnraum geschaffen.

Ach ja, und das Thema Gemeinschaft. Es hat schon ein wenig Kommunencharakter, das Ganze. Mit mehrheitlich modifizierten Entscheidungen nach ganz eigenem, akzeptierten Muster, Diskussionskultur und dem daraus resultierenden „sich kennen“. Es wird Wert darauf gelegt, dass es sich um eine Wohnanlage handelt, in der man miteinander und nicht aneinander vorbei lebt – auf unserem Rundgang legten wir denn auch mehrere Plauderstopps ein, die sich doch deutlich von einem „Guten Tag und Guten Weg“ anderer Häuser unterschieden. Als erkärte Dorfbewohnerin finde ich das sehr angenehm. Ein anderer Nebeneffekt ist natürlich, dass jeder auf das Eigentum achtet. Es gibt so gut wie keinen Vandalismus. Das „Graffiti“ im Treppenhaus ist gewollt und sozusagen der tägliche, kostenlose Motivationsschub.

Aber wie genau man dort lebt, wie es funktioniert, wenn sich ein Familienmitglied mal ein Bein bricht und wie man bitte seine zwei Kisten Wasser pro Woche vom Supermarkt in den dritten Stock bekommt – das erzähle ich dann in der nächsten Woche.

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One Response to Zu Besuch im autofreien Dorf in der Stadt – der theoretische Unterbau

  1. tanteepa sagt:

    Bin schon auf die Fortsetzung gespannt. Wobei ich es mir in etwa vorstellen kann, da ein Teil meiner Familie in Berlin lebt und dort auch wunderbar ohne Auto auskommt. Ich durfte dann auch mal helfen Ikea-Möbel-Pakete mit vereinten Kräften und Bus und U-Bahn quer durch Berlin zu schleppen. Es geht tatsächlich – aber muss ich das wirklich haben?

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